Die Erde produziert auch heute weiterhin Öl. Achtet man nicht auf die Zeitspannen könnte man sagen, dass Erdöl ein erneuerbarer Energieträger ist! Aber wie viel davon dürften wir verbrauchen, wenn es nachhaltig sein soll? Rechnen wir nach!
Wie schnell entsteht Erdöl?
Zuerst müssen wir einen Anhaltspunkt dafür haben, wie viel Erdöl die Erde über einen bestimmten Zeitraum überhaupt bilden kann. Wir müssen uns dabei auf grobe Schätzungen von Geowissenschaftlern und Umweltforschern verlassen. Es sind die zuverlässigsten Angaben, die wir derzeit haben.
Der Geowissenschaftler Robert A. Berner hat in Publikationen wie The carbon cycle and carbon dioxide over Phanerozoic time: the role of land plants geschätzt, dass nur etwa 0.1% bis 1% des Kohlenstoffs, den Pflanzen durch Photosynthese fixieren, in Tiefseeablagerungen bewahrt werden. Der Umweltforscher Jeffrey Dukes wiederum nimmt an, dass aus diesem Kohlenstoff von zugeschüttetem Pflanzenmaterial nur einer aus 10'750 Teilen zu Öl wird, und wiederum nur 1% davon in Ablagerungen landen, die wir theoretisch fördern könnten (siehe zum Beispiel Dukes Artikel Burning Buried Sunshine: Human Consumption of Ancient Solar Energy aus dem Jahr 2003). Nehmen wir großzügigerweise Berners Obergrenze von 1%, müssen wir die geschätzte Netto-Kohlenstoff-Produktivität unseres Planeten von 104 Petagramm pro Jahr (siehe ebenfalls Dukes) durch 107'500'000 teilen, um bei ungefähr 1 Million Kilogramm pro Jahr anzukommen.
"Um unseren gegenwärtigen Verbrauch an Erdöl auszugleichen, bräuchte es viereinhalb Millionen Planeten."
Da jedes Barrel Rohöl 115 Kilogramm Kohlenstoff beinhaltet, landen wir bei unserer groben Schätzung, dass die Erde ungefähr 8'400 Barrels Erdöl pro Jahr bildet. Das entspricht etwa 1.3 Millionen Litern. Offensichtlich ist diese Rechnung mit großen Unsicherheiten behaftet. Die wahre Zahl könnte deutlich höher oder tiefer liegen. Die Schätzung stimmt allerdings ziemlich gut mit derjenigen eines anderen Ansatzes überein, welcher die geschätzte totale Menge aller bisher entstandenen Ölreserven (3 Billionen Barrel) durch den Zeitraum teilt, über welchen diese vermutlich entstanden sind (300 Millionen Jahre). Damit landen wir bei 10'000 Barrels pro Jahr, was der ersten Schätzung sehr nahe kommt.
Verteilung auf die Weltbevölkerung
Mit Stand 2025 leben ungefähr 8.2 Milliarden Menschen auf unserem Planeten. Teilt man die obige Erdöl-Entstehungsrate durch diese Anzahl Personen, bleiben uns 0.000001 Barrel pro Jahr pro Mensch. Da die weltweit durchschnittliche Lebenserwartung 73 Jahre erreicht hat, ergibt das 0.000073 Barrel, oder 12 Milliliter, für ein ganzes Menschenleben. Da aber aus 100 Liter Erdöl nur etwa 45 Liter Benzin raffiniert werden können, bedeutet das, dass jedem Menschen in seinem ganzen Leben nur wenig mehr als 5 Milliliter Benzin zustehen.
Unser Endergebnis ist also folgendes: wenn wir nur so viel Erdöl verbrauchen wollten, wie der Planet natürlich regenerieren kann, hätte jeder einzelne Mensch auf der Welt ein Guthaben von ungefähr einem Teelöffel Benzin für sein ganzes Leben. Was könnte man mit diesen wenigen Tropfen alles tun?

Ein Geländemotorrad starten
Vielleicht möchtest du am Wochenende zum Spaß ein wenig mit deinem 125-Kubik-Zweitakt-Dirtbike fahren? Bei gezogenem Choke für den Kaltstart verbraucht jeder Kick auf dem Kickstarter etwa 0.07 ml Benzin. Dein lebenslanges Benzinguthaben hättest du also nach gut 70 Kicks bereits aufgebraucht – und das, ohne dass du bisher überhaupt den Motor starten konntest! Bei einer Leerlaufdrehzahl von 1'500 RPM könntest du deinen Motor für weniger als eine Sekunde laufen lassen, bevor dein Benzin-Anteil fürs Leben aufgebraucht ist.
"Hätte die Erde alle bekannten Erdölreserven in einem Jahr gebildet, so hätte die Menschheit nur etwa 15 Sekunden gebraucht, um die Hälfte davon zu verbrennen."
Wie wäre es stattdessen mit dem Besuch eines Motocross-Rennens? Jetzt stehen da ganze zwanzig dieser 125-ccm-Motorräder an der Startaufstellung und bereiten sich auf einen 20-minütigen Rennlauf vor. Während des Rennens können diese Motorräder gut und gerne bei durchschnittlich 8'000 RPM laufen. Der Benzinverbrauch beträgt dann etwa 120 ml pro Minute und Fahrer oder Fahrerin. Das ergibt fast 50 Liter Benzin, die für das ganze Rennen verbraucht werden. Diese wenigen Motorsportler:innen haben also während ihrer paar Runden soeben das lebenslange Benzinguthaben von 10'000 Menschen verpufft.
Ein Leben für den Motorsport
Stellen wir uns eine Frau vor, die eine lebenslange Leidenschaft für den Motocross-Sport entdeckt hat. Sie fängt im Alter von fünf Jahren mit dem Motorradfahren an und trainiert durchschnittlich vier Stunden pro Woche. Sie bewegt sich durch die verschiedenen Rennklassen und steigt auf grössere Motorräder um. Bis zu ihrem 15. Geburtstag hätte sie damit bereits 5'800 Liter Benzin verbrannt. (Annahmen: mit 5–7 Jahren ein 50-ccm-Motorrad mit 1.5 l/h, mit 8–10 Jahren ein 65-ccm-Motorrad mit 2.5 l/h und mit 11–14 Jahren ein 85-ccm-Motorrad mit 4 l/h.)
Während ihre Freundinnen und Freunde mit Erreichen des Mindestalters für den Mofaführerschein endlich zum ersten Mal einen Motor starten dürfen, hat unsere Motocross-verrückte Teenagerin bereits Benzin für 1.3 Millionen Lebzeiten verheizt.

Diejenigen, die sich früh für den Motorsport begeistern, geben diesen meist für den Rest ihres Lebens nicht mehr auf. Falls unsere Athletin ihren Durchschnitt von wöchentlich 4 Stunden Training aufrecht erhält bis sie 66 ist, würde sie, gegeben dem Rennverbrauch von vorhin, allein mit diesem Hobby weitere 75'000 Liter Benzin verprassen. Das ist das gesamte Guthaben von 15 Millionen Menschen. Anders ausgedrückt könnte die Erde etwa 540 solche Motocrossfahrer:innen verkraften (vermutlich sind es in Wirklichkeit etwa 20 Millionen, die auf ihren Dirtbikes über unseren Planeten knattern). Dies aber nur wenn wir annehmen, diese 540 wären die einzigen Menschen auf der Welt, und sie würden außer für ihren Sport kein Erdöl verbrauchen. Kein Straßenverkehr, kein Heizen, keine Industrie, kein Plastik.
"In der westlichen Gesellschaft verbraucht ein durchschnittlicher Mensch über 50 Millionen Mal soviel Benzin und Erdöl, wie es nachhaltig wäre."
Wo wir gerade von Plastik sprechen: was ist mit der Schutzausrüstung? Die Hosen und das Trikot, die Stiefel und Handschuhe, der Helm und die Schutzbrille, Nackenstütze, Brust- und Rückenpanzer, Schienbein- und Ellenbogenschoner? Sie bestehen aus Polyester, Polykarbonat, Polystyren, Polypropylen, Polyamid – alles auf Erdölbasis. Mit einem Gesamtgewicht der Rennbekleidung von etwa 10 kg und der Faustregel, dass die Herstellung eines Kilogramms Plastik etwa 2.2 Liter Erdöl benötigt (Energieerzeugung noch nicht mit eingerechnet), trägt die Fahrerin in ihrer Kleidung nochmals das 2'000-Fache ihres lebenslangen Erdöl-Guthabens.
Natürlich fällt diese Zahl kaum ins Gewicht, angesichts der Menge an Erdöl, welche sie in ihrem Motor verbrennt und in Abgas verwandelt. Aber es ist interessant, sich diese Nebenfolgen zu veranschaulichen. Wollte sich unsere Fahrerin auf einen nachhaltigen Erdölverbrauch beschränken, hätte sie gar nicht erst die Möglichkeit, je ein Motorrad zu starten. Schon nur der Kauf eines Motorradhelms würde ihr Erdölguthaben um mehrere Größenordnungen übersteigen – geschweige denn eines Motorrads.
Kleingeräte
Ein 50-ccm-Laubbläser verpulvert etwa 15 ml Treibstoff pro Minute. Mit deinem lebenslangen Benzinanteil könntest du also ungefähr 20 Sekunden lang laubbläsern. Ein typischer 50-Kubik-Roller würde dich mit deinem Guthaben etwa 250 Meter weit transportieren. Aber der Motor deines Rollers ist ebenso ein Zweitakter, also musst du ihn vor der Fahrt noch aufwärmen. Beim Aufwärmen im Leerlauf (2 ml/min) für nur 30 Sekunden hast du schon die Hälfte der möglichen Distanz eingebüßt.
Große Maschinen und große Zahlen
Ein großer LKW (2.7 km/l) könnte mit deinem Guthaben etwa 17 Meter weit fahren – vermutlich nicht viel weiter, als das Fahrzeug lang ist. Dein Anteil könnte auch ein Passagierflugzeug oder ein Kreuzfahrtschiff (ca. 3.8 l/s) für weniger als 2 Millisekunden betreiben. Und wie sieht es in den Armeen aus? Der U.S.-amerikanische M1 Abrams Kampfpanzer verbraucht ungefähr 30 Liter Kraftstoff nur fürs Starten seines Turbinenantriebs. Das ist das Benzinguthaben für 6'000 Lebzeiten, nur für das einmalige Starten eines einzelnen Panzers.
Die durchschnittlichen Einwohner:innen eines westlichen Industriestaates verbrauchen über ihr ganzes Leben gerechnet schätzungsweise 1'600 Barrel Rohöl, oder 254'000 Liter. Nimmt man dies als Grundlage, so wäre unser aktueller Erdölverbrauch nachhaltig, wenn nicht mehr als 45 Menschen auf diesem Planeten leben würden. Von der anderen Seite her betrachtet beträgt der gegenwärtige weltweite Ölverbrauch etwa 37.5 Milliarden Barrels pro Jahr. Verteilt man das auf alle 8.2 Milliarden Einwohner und ihr jeweiliges jährliches Guthaben, bräuchten wir über 10 Millionen Planeten nur um das Öl zu regenerieren, welches wir verbrennen.
Um wie viel hast du deinen Anteil an unseren gemeinsamen Ölreserven bereits überzogen? Für wie viele Lebzeiten hast du alleine heute, oder in der letzten Stunde, Benzin verbrannt?

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