Ein Jahrhundert bevor Leih-E-Scooter unsere Städte zu überfluten begannen, wurde ein ähnliches Gerät als die Zukunft des leichten Individualverkehrs präsentiert. Aber diese Roller fuhren mit echten Benzinmotoren!
Tretroller (in der Schweiz: Trottinetts) sind bei Kindern seit über 200 Jahren beliebt. Im frühen 20. Jahrhundert dachte der in New York lebende britische Erfinder Arthur Hugo Cecil Gibson, dass sie sich durch ihr geringes Gewicht und ihre Wendigkeit perfekt für den hektischen Straßenverkehr in der Stadt eigenen würden. Sich durch Treten mit Muskelkraft fortbewegen zu müssen, war für eine erwachsene Zielgruppe natürlich unzumutbar. Die Batterietechnik war damals aber noch zu unausgereift und zu teuer für einen Elektroantrieb. So blieb nur eine Möglichkeit: Verbrennungsmotoren!
Die Produktion des Autoped begann im Jahr 1915. Angetrieben wurden die Roller durch einen luftgekühlten, einzylindrigen 155-Kubik-Viertaktmotor, in etwa vergleichbar mit dem Motor eines modernen Rasenmähers. Mit eineinhalb PS erreichte das Gefährt gut 40 km/h, was deutlich über der Höchstgeschwindigkeit liegt für die heutige E-Scooter üblicherweise zugelassen sind. Durch Kippen der Lenkstange nach hinten oder vorne wurden Bremse und Kupplung betätigt, ein Hebel am Griff steuerte das Gas. Das Rohr der Lenkstange diente sogar als Reservetank! Die Stange konnte beim Verstauen nach unten geklappt werden, mit einem Gewicht von etwa 43 kg war der Autoped aber nicht besonders leicht tragbar.

Postboten auf Autoped-Rollern, möglicherweise 1917.
Gemeinfrei. Quelle: Library of Congress, Prints & Photographs Division, photograph by Harris & Ewing, reproduction number LC-H261-6286-B
Der Autoped wurde als ideales Fortbewegungsmittel für Stadtmenschen beworben. Er sollte perfekt sein fürs Pendeln zur Arbeit, zum Einkaufen, oder für ältere Kinder die damit zur Schule fahren konnten (der Straßenverkehr war in den 1910er-Jahren noch nicht so strikt geregelt, und zu Beginn war noch unklar ob man für das Fahren eines Autoped überhaupt einen Führerschein benötigt). Er wurde aber auch für Berufstätige angepriesen: Ärzte sollten damit auf Hausbesuch fahren, Händler ihre Waren ausliefern, Handwerker ihre Kunden besuchen und Boten ihre Sendungen zustellen. Für viele dieser Einsatzzwecke war der Autoped aber nur bedingt geeignet, da es schwierig war, damit Taschen oder Pakete zu transportieren.
Wie aber sah es mit dem Schadstoffausstoß aus? Mit Sicherheit kann man davon ausgehen dass die Autoped-Motoren, obwohl es Viertakter waren, nicht so sauber waren wie die Motoren moderner Autos und Motorräder. Bis zur Erfindung des Katalysators dauerte es noch Jahrzehnte, und Abgasgrenzwerte waren noch völlig unbekannt. Auch der Treibstoff war anders als das Benzin, das wir heute verwenden. Die Raffinierungsverfahren waren noch deutlich unausgereifter und dem Benzin wurde, um die niedrige Oktanzahl zu kompensieren, Blei beigefügt. Das führte zu stark stinkenden und höchst giftigen Abgasen.
Wie man auf den Fotos sehen kann waren Motor und Benzintank vorne montiert, um die Fahrstabilität zu verbessern. Beim Autoped wurde nicht versucht ein Auspuffsystem zu konstruieren, welches die Abgase nach hinten wegleitet. Bei genauer Betrachtung sieht man den kurzen, direkt am Motor befestigten Auspuff mit Schalldämpfer: nach hinten gekrümmt bläst das Rohr die Auspuffgase direkt in Richtung der Füße der Fahrerin oder des Fahrers.

Detailansicht des Autoped-Auspuffs.
Originalfoto © National Museum of American History, Smithsonian Institution.
Bei den im Stadtverkehr üblichen niedrigen Geschwindigkeiten, häufigen Stopps und langen Wartezeiten muss man davon ausgehen, dass Autoped-Fahrer und -Fahrerinnen den größten Teil ihrer Fahrzeit inmitten von Schwaden aus öligen Abgasen verbracht haben. War dies wohl einer der Gründe, warum der Autoped die Welt nicht im Sturm erobert hat? In der Werbung wurden Autopeds oft von elegant gekleideten Angehörigen der oberen Gesellschaftsschichten gefahren. Vielleicht war diese Zielgruppe nicht begeistert davon, bei der Ankunft im Opernhaus nach Öl und Benzin zu stinken.
Interessanterweise wurde der Autoped auch gezielt an Frauen vermarktet. Während eine Motorrad fahrende Frau noch einen Verstoß gegen die Geschlechternormen der Zeit darstellte, sollte der leichte und wendige Autoped auch für Frauen ein angemessenes Fortbewegungsmittel sein. Dafür, dass dies auch als Symbol der Emanzipation gesehen wurde, steht die Fotografie einer berühmten Vorkämpferin für das Frauen-Stimmrecht in Großbritannien. Lady Florence Norman posiert darauf auf ihrem Autoped in einer Londoner Straße. Nebenbei gibt das Bild einen weiteren Hinweis darauf, wie schädlich der Autoped für die Umwelt gewesen sein muss: auf der Straße unter dem Motor scheint sich eine Öllache zu bilden.

Florence Priscilla, Lady Norman, CBE, JP, auf einem Autoped in London im Jahr 1916.
Public Domain. Quelle: Wikipedia
Autopeds läuteten nicht die versprochene Revolution des Stadtverkehrs ein. Nach nur sechs Jahren wurde die Produktion eingestellt und die Autoped Company meldete Konkurs an. Sein Erfinder hatte gehofft, dass der städtische Individualverkehr in Zukunft von unzähligen benzinbetriebenen Tretrollern geprägt sein würde, und bewarb sein Produkt als "das Motorfahrzeug für die Millionen". Bei einem Preis von 100 US-Dollar, was 2025 etwa 3'000 Dollar entsprechen würde, war ein Autoped zwar deutlich günstiger als ein Motorrad und auch sehr sparsam im Verbrauch (1.9 l/100 km), aber für den Massenmarkt angesichts der eingeschränkten Nützlichkeit immer noch zu teuer. In den Augen der Bevölkerung blieb er mehr ein Spielzeug für Reiche als ein ernsthaftes Verkehrsmittel.
Obwohl der Autoped ein kommerzieller Flop war, steht er als frühes Beispiel unserer "Benzinkultur"; dieser menschliche Drang jedes erdenkliche Gerät, wenn irgendwie möglich, mit einem Verbrennungsmotor ausstatten zu wollen. Er bezeugt auch die Nonchalance mit welcher die Umweltauswirkungen von Benzinmotoren, besonders damals, im Eifer über den technologischen Fortschritt beiseite gewischt wurden. Trotz einem Motor der fürchterlich gestunken haben muss dachte man sich nichts dabei, den Auspuff unmittelbar unter den Fahrerinnen und Fahrern anzubringen. Und auch wenn man davon ausgehen muss, dass sich der Geruch von Benzin und Abgasen innert kürzester Zeit in deren Kleidung festsetzte, fand ich keine zeitgenössischen Quellen welche dies als Nachteil angesprochen hätten.
Natürlich ist diese Kultur heute weniger verbreitet als zur Zeit des Autoped, als noch niemand über die Auswirkungen des Benzinverbrennens auf die Umwelt sprach. Aber auch heute gibt es noch Bastler, die Motoren von Go-Karts oder Motorsensen auf Kickboards montieren, oder E-Scooter auf Benzinbetrieb umbauen. Im Handel gibt es sogar weiterhin gebrauchsfertige Tretroller mit Benzinmotor, die direkten Nachfahren des Autoped, für teilweise unter 200 Euro. Im Gegensatz zu 1916 sind diese jedoch in den meisten Ländern eindeutig nicht auf öffentlichen Straßen zugelassen, und dürfen somit nur als Spaßgefährt auf privatem Grund benutzt werden.
Quellen
- Mehr Fotos: 1917 Eveready Autoped (Mecum Auctions, 9. Januar 2016)
- Mehr Fotos: The 1915 Autoped Motorized Scooter (Silodrome Gasoline Culture, 29. August 2020)
- Tretroller (Wikipedia, abgerufen am 30. Dezember 2025)
- Autoped (Wikipedia, abgerufen am 30. Dezember 2025)
- Autoped (ScooterMania, archiviert am 24. Juli 2011)
- The Motorized Scooter Boom That Hit a Century Before Dockless Scooters (Smithsonian Magazine, 18. April 2019)
- (The original) 100 year-old motorscooter up for sale (New Atlas, 4. Oktober 2016)
- U.S.-Patent 1,192,514: Self Propelled Vehicle (Google Patents, abgerufen am 30. Dezember 2025)
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